09.01.2017

Im Lab der Zukunft

Arbeiten 4.0 – Mit einem hochmodernen Elektrolabor antwortet der Design- und Systemtechnikhersteller Jung auf die Herausforderungen einer sich verändernden Arbeitswelt. Die Lüdenscheider Architektengemeinschaft Artec hat den neuen Trakt in der Schalksmühler Firmenzentrale geplant

Schalksmühle. Hell ist es. Weitläufig. Und obwohl es geschäftig zugeht, herrscht eine erstaunliche Ruhe. Wer auf dieser Etage arbeitet, gehört zu den technischen Innovatoren des Unternehmens und muss den Trends im Markt stets mehrere Schritte vorausgehen. Software-Entwickler programmieren smarte Applikationen, nebenan testen Elektromechaniker neue Schalter in Versuchsaufbauten, ein Büro weiter diskutieren Testingenieure die Ergebnisse von Dauerprüfungen. Fast alle Bereiche sind offen. Türen gibt es wenige. „In unserer Abteilung konzentriert sich eine Vielzahl unterschiedlicher Aufgaben. Dafür haben wir uns funktionale Räume gewünscht, die prozessorientiertes Arbeiten unterstützen“, sagt Peter Urban, Teamleiter Elektronik/Entwicklung bei Jung, der mit 20 Kollegen im vergangenen Herbst in die neu gestaltete Laboretage umgezogen ist.

Die etwa 1000 Quadratmeter große Etage war früher ein Montagetrakt. Er wurde nach Plänen der Architektengemeinschaft Artec vollständig entkernt und als repräsentativer, multifunktionaler Entwicklungsbereich neu konstruiert. Die Innenarchitektur verzahnt verschiedene Abteilungen und Disziplinen mit einem zukunftsweisenden Konzept. An der Fensterseite liegen Büros, im Mittelgang die Materialprüfung und an der fensterlosen Seite Dauerprüfzonen. Dazu vor Kopf die Werkstatt und im Zentrum ein Meeting Point. Es darf nicht nur, sondern es soll laufend kommuniziert werden.

Wissen horten war gestern
„Innovationen brauchen schnellen Austausch in wechselnden Projektgruppen“, sagt Stefan Jörgens, Leiter der Entwicklung bei Jung, der mit dem Lab 4.0 auch Entwicklertalente anlocken will. „Mit offenen, inspirierenden Räumen möchten wir unsere Innovationskultur noch weiter fördern.“ Alle Bereiche sind zoniert, aber offen und ineinander übergehend. Als Ersatz für Wände schaffen raumhohe Fenster hohe Transparenz und Durchblick. Wer brainstormen und austauschen will, ist nur einen Schritt weit von seinen Kollegen entfernt. Wer ungestört arbeiten möchte, zieht sich an seinen eigenen Arbeitsplatz zurück. Helles Licht und angenehme Klimatisierung sorgen für einen klaren Kopf.

Konzentrationsfördernd ist vor allem das Akustikkonzept, das schon in den Fluren ansetzt: Tieftonabsorber in den Decken und Hochton-Vertikalabsorber an den Wänden nehmen viel akustische Energie auf. „Auch die wandhohen Glasscheiben absorbieren Schall, denn sie sind am Sockel und am oberen Abschluss flexibel und dadurch schwingend befestigt“, erklärt die leitende Architektin Anja Roerdink-Veldboom. Geräuschvoller geht es im Modell- und Prototypenbau zu, wo der klassische Sound von Sägen, Feilen und Fräsen kaum gefiltert wird. Doch schon im Nebenbüro ist nichts mehr davon zu hören.

Novum für alle Beteiligten
Nicht nur im Akustikthema sind die Architekten mit allen Beteiligten in die Tiefe gegangen. So benötigen beispielsweise die schweren Versuchsschränke für elektromechanische Dauergebrauchsprüfungen aufgrund der extrem großen Packungsdichte der elektrischen Lastkreise spezielle Wasserkühlungen. Die Nachbarschaft von Wasser und Elektrizität auf einem Level erforderte zudem hohe Sicherungsmaßnahmen, da sich Mittelspannungsenergien von bis zu einigen tausend Ampere durch die Etage ziehen. Feuchtefühler, besonders sensible Rauchmelder und eine mechanische Entrauchung mit Rauchgasventilatoren sorgen im Verborgenen für Sicherheit für den Prüfbetrieb, der rund um die Uhr stattfindet. Auch den Einbau weiterer Versuchseinrichtungen plante Artec bereits mit ein: Die Stahlunterkonstruktion zur Stabilisierung der Decke des darunter liegenden Stockwerks ist für ein Maximum an Belastung ausgeführt. „Eine Gesamtanlage mit solcher Modernität und Komplexität gibt es nur einmal in Deutschland“, erklärt Stefan Jörgens.

Eine weitere Herausforderung war der Einbau einer großen Absorberkammer zur Prüfung elektromagnetischer Verträglichkeit von Geräten. Die EMV-Kammer verlangt absolute Bodenebenheit, den Artec mit millimetergenau ausgerichtetem Fließestrich sicherstellte. Für angenehmes Klima im Büro sorgt das mit Frischluft arbeitende Belüftungssystem, das sich bei starker Wärme und Sonneneinstrahlung bereits bewährt hat. Innen bleibt es trotz der gläsernen Außenfassade angenehm kühl. Die Fensterfront bringt den Mitarbeitern noch eine weitere Motivation: „Wer hinausschaut, sieht hier keine Wohntürme, sondern frischen südwestfälischen Wald. Angenehmer geht es kaum“, sagt Peter Urban.

Wertschätzung der Mitarbeiter
Digitalisierung, flexible Arbeitszeiten, Vernetzung total: Die Arbeitswelt hat sich verändert und mit ihr die Architektur. Aufgrund der engen Verzahnung von Büro-, Labor- und Prüfbereichen sei dieser Labortrakt zukunftsweisend in der Branche und sehr attraktiv für Fachkräfte, meint Stefan Jörgens. Auch der VDE (Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik) und andere Unternehmen zeigten bereits Interesse am Konzept. Als einzigartig bezeichnen Stefan Jörgens und Peter Urban auch die Vernetzung hauptsächlich lokaler Kompetenzen – von den Hardware-Zulieferern bis zum Artec-Architektenbüro, bei dem alle Fäden zusammenliefen. „Alle Themen wurden klar und offen kommuniziert und gemeinschaftlich gelöst. Während des Umbaus lief der Betrieb störungsfrei weiter – und wir konnten schneller einziehen als geplant. Wir fühlen uns bestens betreut“, sagt Stefan Jörgens, der bereits mit Artec den Umbau einer weiteren Etage plant. Zwischen den Architekten und Jung besteht bereits eine langjährige Zusammenarbeit. 2012 und 2014 realisierte das Büro zwei große Produktionsneubauten auf dem Schalksmühler Firmengelände.



Für weitere Informationen

Marcus Born
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